Jugendkriminalität und Terror, das heißt: Geburt der Überwachungsmaschine


In diesen Tagen werden wir Zeuge einer Wiedergeburt. Während Weihnachtsantipathisanten sich in den Alternativen Zentren versammeln und zynisch: happy birthday, Jesus singen wird die Vokabel "Überwachung" zum wiederholten Herrensignifikanten. In den letzten Tagen hat sich eine Struktur von Nachrichtensendungen durchgesetzt, die als ersten Bericht den von Passagieren vereitelten Sprengstoffanschlag eines Al Kaida Mitglieds, des 23-jährigen Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab,  auf ein Flugzeug, das vom Amsterdamer Flughafen nach Detroit unterwegs war, verhandelte, die Mittelteile aus Wirtschaftsnews und Belanglosigkeiten bestanden und letztendlich im letzten Abschnitt die stark gestiegene Jugendkriminalitätsrate, insbesondere die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen auf der Straße den Abschluss bildete.

Diese Nachrichtenstruktur operiert mit zwei Mechanismen. Einerseits schürt sie Angst. Vor Terror, vorm Untergang des Abendlandes das heißt: schürt latenten Rassismus und das wohlgefühl der globalisierten Welt in ihrer multikulturell-kapitalistischen Diktatur, endlich wieder rassistisch sein zu dürfen. Was erzeugt wird ist ein Gefühl der Besänftigung, das sich wieder in zwei Komponenten spaltet: einerseits: zum Glück unternimmt der Staat alles, damit uns das nicht passiert: und andererseits: zum Glück gibt es jetzt, da die Welt aus den Angeln gehoben und die "time out of joint" ist, einen Fixpunkt, den wir fokalisieren können. Es geht also um Sicherheit im allerweitesten Sinne. Globalpolitisch wird die Angst vor dem Terror geschürt, innenpolitisch die Angst vor Gewalttaten, die, wie der phlegmatische Psychologe, der mehreren Sendern Rede und Antwort stand,  "jeden immer und überall" treffen können. Es wird berichtet, dass die um fast 100% gestiegene Anzahl von Straßengewaltdelikten mit noch mehr Überwachungskameras und mehr Polizeipräsenz "bekämpft" werden soll.

Die Überwachungsmaßnahmen, die "verstärkt" werden sollen, haben jedoch ihre ganz eigene Funktion: Den Kampf, den sie ankündigen zu verhindern und in einen rein potentiellen zu verwandeln. Es gibt, wie Paul Virilio und Jean Baudrillard  zu denken gegeben haben, den realen Kampf nicht mehr, er ist nur noch ein rudimentärer Fehler des in permanenter Perfektion  befindlichen Überwachungssystems und der dissuativen Maschine.

Wir haben von einer merkwürdigen Doppelstruktur gesprochen, die das Nachrichtensystem unweigerlich an die Überwachungsmaschine anbindet. Wie ist diese Anbindung zu verstehen?

Man sieht Bilder, die vorerst angsteinflößend sind: erst das Flugzeug, dann das Fahndundsphoto, dann den Nacktscanner. Erst blinkende Polizeilichter, Interviews mit Straßengewaltopfern, dann Statistiken über gestiegene Gewaltbereitschaft und zu guter Letzt mehrere bewaffnete Polizisten mit Schutzweste an einem U-Bahngleis und eine Überwachungskamera. Damit wird erst Angst und dann Beruhigung erzeugt.  Man wird sich sofort bewusst, dass die Überwachung steigt, aber gleichzeitig zum Schutz der Sicherheit nötig ist. Man sagt "ja". Nicht du, nicht wir: MAN sagt "ja" zur Überwachung, nimmt sie hin und erkennt sie an. Sogar der Messias Barack Hussein Obama springt auf den Zug der Sicherheit auf. Die Sicherheit ist oberstes Gebot.

 

Wir haben es hier aber mit einem sicherheitspolitischen Extrem zu tun. Nicht, dass der orwellsche Polizeistaat sich wieder global verwirklicht hätte, denn diese Feststellung ist schon seit dem kalten Krieg en vogue. Nein, die Sicherheitsmaßnahmen haben die Funktion die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es sie gibt, dass sie in der Hand einiger Verantwortlicher liegt, dass sie angewandt wird.

Eine tiefergehende Suspension ist der Fall. Der aufkeimende Sicherheitsfetischismus ist nichts als Methode um davon abzulenken, dass sich die postkapitalistische Hemisphäre in heterogenste Sicherheitsdispositive immer schon aufgelöst hat. Die Sicherheit ist eine Ablenkung von der omni-de-präsenten Überwachung. 

Die Nachrichten informieren nicht nur, sie tragen darüberhinaus explizit zur Wirksamkeit des manifesten sowie des latenten Sicherheitssystems bei.

Foucault hat überzeugend davon berichtet, wie der Körper des neoliberalen Subjekts die Überwachung nicht mehr benötigt, weil er die Überwachung so internalisiert hat, dass sein Körper ohne Überwachung quasi ausgestoßen wäre. Ein Subjekt ist nicht mehr zu denken ohne seine Überwachungsstrategien.

Ebendiese Undenkbarkeit wird in diesen Tagen erneut herausgefordert. Durch die doppelte  Bindung an den Überwachungsapperat wird die Illusion erzeugt, es wäre eine Welt möglich ohne Überwachung. Realisierte sich diese Illusion, wäre die Grenze zwischen latenter und manifester Überwachung, die Grenze zwischen Simulation und Dissuasion aufgehoben. Das Ergebnis wäre die demokratische Psychose.

Die Welt ist wieder einmal gezwungen, den illusion anzuerkennen, dass Sonderregelungen zur Sicherheit der Bevölkerung da ist. Der Ausnahmezustand ist, Agamben hat darauf hingewiesen, das Paradigma des Regierens in der abendländischen Hemisphäre. Jener sich jeglicher Signifikation entziehende Status Quo, von dem jetzt berichtet wird, dass er, wieder mal, unter Kontrolle gebracht werden kann.

Das, was wir "demokratische Psychose" nennen ist, ganz dem psychotischen Mechanismus entsprechend ein Konflikt zwischen dem Ich und der Außenwelt. Der Viktorianer Freud hat als psychischen Prozess der misslungenen Verwerfung beschrieben, was im frühen 21. Jahrhundert sozio-, medio,- und politogenetisch die Öffentlichkeit, die das Private längst in sich aufgesaugt hat, vollzieht: nämlich die Gültigkeit einer insistierenden Nicht-Anwendung, die sich ans Anwendung tarnt. Simulation und Ausnahmezustand reichen sich die Hände um den Würgegriff anzulegen, der da heißt: Demokratie.

 

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Der neue Edeka in der Kulturhauptstadt 2010


Es ist schon seit Langem eine Masche der Kulturindustrie, Identifizierungsmaßnahmen zu veranstalten, die dem Konsumenten, dem neoliberalen Subjekt schlechthin, das Gefühl von Heimat und Gemeinschaft vermitteln. Medium dieses Phantasmas ist nicht mehr der Fernsehschirm, der alle Subjekte abends versammelt, damit sie sich kollektiv ihre Rohrstockschläge und Misshandlungen in fastforwardcomedy nochmal zu Gemüte führen und über ihr eigenes Schicksal unbewusst lachen können. Nun ist die stilvoll digitalisierte Öffentlichkeit Ort des falschen Gefühls. Lachen und Weinen liegen hier engst beieinander. Auf den von den KZ-Bühnen gab es auch reichlich zu lachen, für die Nazis und die Juden. Bei diesen im Turnus ihres humoristischen Sarkasmus, bei jenen wegen der kurzen Verdrängung und dem steten Bewusstsein der Verdrängung als Spiel. Die Bühne hatte in den KZs das erste Mal seit dem Illusionstheater des 19. Jahrhunderts wieder die Aufgabe, die tröstliche und zynische Aufgabe, den Vorhang zuzuziehen und für die Schauspieler auf der Bühne der utopische Ort des schillerschen Spiels zu sein. Dem Abgang von der Bühne folgte entweder die nächste Vorstellung oder das Gas. Spielen um nicht zu sterben. Zyklon B bleibt die letzte Requisite. Nichts Neues. Adorno hat bis zu seinem Tode nie aufgehört es festzustellen. Wenn in der spätkapitalistischen Wirklichkeit dieses Spiel das der Warenproduktion- und Konsumption geworden ist, verifiziert sich, be-wahrheitet sich das Reale der Verbindung von KZ und Einkaufszentrum. Spielen um nicht zu sterben. Die Rolle ist festgelegt. Man ist der Einkaufswagenschiebende. Der Text: Hey, Nutella ist im Angebot. Hast du das schon mal probiert? Pack gleich zwei ein. Die Musik hier ist so schön. Sieht toll aus, wie die ganzen Dosen in der Reihe stehen. Etc. Es ist ein repetetiver Code, den das neoliberale Subjekt stets abspult um seine Lebensqualität zu füttern und aufrechtzuerhalten. Lebensqualität ist Lifestyle ist Leben. Der Hartz IV Empfänger hat in diesem Sinne kein Leben mehr, er ist der Rest Leben, der vom kapitalistischen Kardiogramm auf den Bildschirmen der Statistik von Arbeitslosen angezeigt wird. Ein Sinusrhythmus, reine Struktur aus animalisierten Bedürfnissen. Leben bedeutet, nicht der Hartz IV Empfänger zu sein. Ein Leben zu haben, bedeutet, in der Lage zu sein, das Spiel zu spielen. Die Gaskammer ist dem Einkaufszentrum gewichen, wo die Verdienenden die Juden sind, die ihr Leben darauf setzen, dem Gas zu entkommen, die Harz IV Empfänger die Noch-nicht-Vergasten sind und immer die Möglichkeit haben, wieder ins Spiel einzusteigen. Der Spät- oder Postkapitalismus braucht kein Gas mehr. Er hat die Produktion von sozialem Tod sofort in sich eingraviert und ihn dadurch vom biologischen Tod ununterscheidbar gemacht. Das, was da noch wandelt sind Zombies. Der neue Edeka in Bochum versetzt dieses Spiel in einen Raum, der sich als öffentliches Panoptikum, als vollkommen ästhetisiertes Warenhaus, wo die Ware Kunst und ihre Verpackung das Vergnügen des Einkaufens sind, verbirgt und durch sein schwarz-weiß-rotes Design den Trendnerv so hart trifft, dass er nun nur noch in ordentlich sortierten Trümmern die Regale und Routen mit Ornamenten versieht, die dem Konsumenten den gehobenen Lebens-Stil vermitteln.

Das Ruhrgebiet ist im 21. Jahrhundert nicht mehr der Ort kontinentaler Kopie des Manchesterkapitalismus, durch Kokereien, Arbeiter die verdreckt und verschwitzt sich in den U-Bahnen auf dem Heimweg tummeln. Die U-Bahn hat ihr Zwielichtiges auch von dem einstigen Ort der Gemeinschaft her, der Untergrund als Ort gefährlicher Zusammenrottung, so nah an den Toten, dass der Arbeiter selbst, mit rußigem Gesicht und dem Geruch nach Öl, Kohle und Schweiß den Todesgeruch der Arbeit unter Tage ausstößt und dann wieder an die Oberfläche tritt. Die Wiederkehr des Zombies.

Das Potential der Unterwelt ist zum Bild geronnen, das nun im neuen Edeka neben den Teigwaren hängt. Ein A0 Plakat von einem Grubenarbeiter, der geschafft aber glücklich in die Linse starrt. Daneben und darüber die Namen der Bochumer Stadteile in Relieffschrift. Höntrop, Harpen, Ehrenfeld, Riemke… Hier ist der Bochumer zuhause, denn der Supermarkt ist aufgebaut wie die Karte der Bergbaustadt, das Fleisch findet er bei einer alten Bekannten, die Frühstücksflocken an seinem Arbeitsplatz, sein Zuhause in Hamme oder Stahlhausen, da, wo es ordentlich und warm ist. Hier kann der Bochumer nocheinmal erleben, wie es ist, durch das Industriebochum zu wandeln. Kryptagramme der Vergangenheit geben ein sentimentales Gefühl der Sehnsucht nach einer Romantik, die es nie gab und tun als Vergangenheit ab, was jetzt Wirklichkeit ist. Das „Vorbei“ der Grubenära zeigt das „Jetzt“ der absoluten Indifferenz von Leben, Design und Kapitalismus. Das Leben selbst ist die absolute Entfremdung geworden.

Eine Kopie, ein Zitat, das man an der Käsetheke kaufen kann. Nostalgisch schimmern hier und da Scherenschnitte der Fördertürme und der Kokereien. Schwarz auf dem Rot und Weiß der Wände nachdem man das Starlightexpress Logo am Eingang gesehen hat und sich angenehm an Bochum erinnert fühlt, das Vergnügen und Schaulust bietet, zuhause. Man ist angehalten, zu gleiten durch eine futuristische Verblendungswelt, die die Vergangenheit assimiliert und zur Metapher verstümmelt hat. Man kann alles überschauen, wenn man den Tempel betritt. Was in den ständig wachsenden und mutierenden Geschwüren der Städte nicht mehr möglich ist, wird hier als Simulation verkauft. Der Konsument denkt, er habe alles unter Kontrolle, kann sein Leben kontrollieren, seinen Weg steuern. Er betritt den Laden und ist sofort der Gewinner, der nicht nur das postkapitalistische Wirrwarr besiegt, sondern auch sein Leben meistert. Das ist kein postmoderner Existentialismus à la „Ich designe mein Leben“. Das ist die radikale Dominanz des pour-soi, das in einem bourgeoisen Lokalpatriotismus gipfelt und jede Möglichkeit des Dagegenseins, der Unaufrichtigkeit in die festgefahrene Rolle des Konsumenten versteinert hat. Der Blick des Anderen ist das blinkende Logo der alten Cornflakes in neuer Verpackung.

Dieses stilisierte Leben, das nur noch in der erfahrungstoten Simulation der Grube von der Wahrheit der Arbeit fürs Falsche weiß, ist dem Kunstfetischismus in die Produktionshallen gefolgt. Das merkwürdige Wort „Industriekultur“, das man an den Autobahnabfahrten zu lesen bekommt, stülpt der unendlichen Entfremdung das Siegel des „Wir haben was daraus gemacht“ auf. Die Jahrhunderthalle in Bochum, der Pact Zollverein in Essen etc. ehemalige Stätten der Produktion geschundenen Lebens sind zu überteuerten Über-Spielstätten der Ideologie geworden. Wenn der Konsument im neuen Edeka das falsche Gemeinschaftsgefühl zum Preis eines Wochenendeinkaufs erwerben kann, geht der Besser Betuchte oder Teilnehmende in die Industriehallen um sich an „historischen Orten“ aktuellstes Theater zu gönnen, das die Kunst mit der Industrie in Einklang bringt.

Durch die gerechte Verteilung der Spielstätten auf die All-Star-Städte des Ruhrgebiets: Essen, Bochum, Gladbeck… ist einer zerstückelten Gemeinschaft der Signifikant des Gemeinsamen nochmal verkauft. Man sieht sich Ivo VanHofe und Johann Simons an, deren Inszenierungen durch platte Lichtgestaltsymbolik und immer wieder produzierte Identifikationsleistungen ihre subversive Unpässlichkeit den Lobpreisungen der Kulturverliebten Kritiker verkauft haben. Nicht, dass das Theater, das hier gespielt wird, ohne Zumutungen wäre. Immer im Second-Hand-Armani-Anzug des Experimentellen werden Opern von Zimmermann und Schönberg der Kulturindustrie gefügig gemacht. Die geschmäcklerische Kälte der Moses und Aron Inszenierung von Willy Decker bespielt ein weiteres Mal die toten Schockwirkungen des Avantgarde-Theaters und lässt sie als Stilmittel umherwandern, deren Ziel vielleicht der neue Edeka ist. Immer noch eine Zumutung, diese „neue Musik“, sicher. Eine Zumutung von weit grässlicherem Ausmaß ist aber der Sachverhalt, dass diese Musik schon längst den teuer verkauften Exotenplatz in der Kulturindustrie eingenommen hat. Das Exotische, das Andere dieser Musik, ja ihre Unzumutbarkeit ist in die immer wieder ausgespielte falsche Differenz von Allgemeinem und Besonderem eingegangen. Und das hat das Ruhrgebiet eben auch zu bieten.

Diese Differenz, die in sich vollkommen zur neoliberalen Indifferenz mutiert ist. Man muss es sich anschauen, man muss 2010 besuchen um das festzustellen. Vielleicht ist die Indifferenz in ihrer Radikalität ein Ort, der den Unort der Artikulation als immer nur möglichen anzeigt. Das, was Nancy die uneingestehbare Gemeinschaft nennt, die sich am Rande des Verlassenseins tummelt, abseits jeder Gemeinschaft, ist vielleicht ein Effekt, der sich als dieser nunmehr dem Entzug durch die Darstellung der Ruhrgebietsgemeinschaft preisgegeben hat und durch diesen Entzug seine Insistenz bewahrt.

1 Kommentar 16.12.09 18:09, kommentieren

Povertry

1

 

Nach oben schauen,

wo gewitter in gemäuer gegossen wird

ich schiebe einen strauß rauch vor die türen

knarrende wolken aus fingernägeln

gebraut,

wird seine blasen los-

ein regen-rinnen

didgeridoo

trötet clown zwischen

einen anderen tag ohne morgen

zeilen auf zellstoff zerlegt zeigen Geigen

die auf klaviere weinen

ölstinkende tränen musizieren

der Wahnsinn!

 

 

 

2

 

Ich höre den mond zurückschreien

Meine wege sind ölzweige versunken in stirnen

Ich messe deine küsse wie schlangen

Unter hautlosem mambo

Im teerparkett schreien mäuse grün

Die namen von vier fremden in die lieder eingraviert

Schleicht ein rest deiner muskeln um mein gelenk

Tausend augen von dissoziativen spindeln aus blutgarn

Gewebt seilen eisenschnee in die dampfenden löcher im himmel ab

Ich schreie beim einatmen und schmecke winzige gläser

An jedem gesicht

 

 

3.

 

schreie zurechtrücken

gefrorenes licht ist ozeangesang

er flüstert, reiß dir die beinchen aus

leg dich auf die dunkelheit und fühle

ihre hände in deinen taschen wühlen

 

 

Wolkenpandemien

Schleifen die Sonne über den Himmel

Als hätte ich nichts falsch gemacht

Tarne ich meinen Kinderschrei

Als Orgasmus

Infektiöses Wasser

Schießt durch die Zellen

Malt Doppelhelixäxte

Ich wate die Stunden hinab

Klettere mir am Brustkorb empor

Das Kinn ist zerstoßen

Licht quillt hervor

Tollwütiges Licht

 

 

 

A.K.A

 

 

Ich schließe meine augenen

Häute

Um dich kratzriechen zu können

Deine Achat-

Arachnen

Atemschlangen

Schlagen sich mitbreitend

Ins Gehäuse und

Den Äquilibriumsfetzen

In

Mein Sternenhetzen

Gegen den eigenen

Streitdeichselnen

Eid

Echsen

Tod

 

 

 

Hinter dem Kratzen an Türen

Röchelt schwarz

Die Krähe

Schnabelwärts

Zerrt sie

Den Flügelschlag

Durch die Katzen

1 Kommentar 16.11.09 12:29, kommentieren

WE HAVE GATHERED HERE IN FRONT OF THE ANTICHRIST!

In den Versuchen über Marx’ Gespenster analysiert Jacques Derrida einen magischen Mechanismus, der auf performative Art und Weise eine Beschwörung vornimmt, die das Gespenst des Marxismus permanent durch seine Negierung heraufbeschwört, herbei zitiert. Es ist dies die Arbeit einer Sozietät, deren Angst vor einer plötzlichen Wiederkehr, oder eines Wiedergehens des Marxismus so groß ist und das immense Klaffen einer infantilen Wunde permanent zu sublimieren sucht.

 

„Dieser herrschsüchtige Diskurs nimmt oft die manische, jubilatorische und beschwörende (incantatoire) Form an, die Freud der sogenannten Phase des Triumphs in der der Trauerarbeit zuschrieb. Die Beschwörung (incantation) wiederholt sich und rituralisiert sich; sie hält auf Zauberformeln und hält sich an Zauberformeln, wie jede animistische Magie es will. Immer wieder intoniert sie die alte Leier und den Refrain. Im Rhythmus des Gleichschritts ruft sie: Marx ist tot, der Kommunismus ist tot, ganz und gar tot mit seinen Hoffnungen, seinem Diskurs, seinen Theorien und seinen Praktiken, es lebe der Kapitalismus, es lebe der Markt, es überlebe der ökonomische und politische Liberalismus“[1]

 

Über welche medialen Instanzen dies funktioniert benennt Derrida genau: über die Medien der Medien, über die Telediskurse, die Simulationen, alle Arten von Tele-präsenzen, die in sich schon gespenstisch sind, da sie weder Leben noch Tod sind, abseits dieser Oppositionen gedacht werden. Dass diese Art von Vermittlung natürlich auch immer eine Art der Machtübernahme, oder gar Machtergreifung von etwas gespenstischem ist, steht außer Frage. Die Struktur der Theorie läuft, wie in anderen Texten Derridas auf einen Diskurs des Endes und zwar der Beschwörung des Endes hinaus, das jedoch paradox ist und zwar auf einen regelrecht apokalyptischen Diskurs, der das Ende der Geschichte proklamiert. Derrida bezieht sich auf die Demokratie, die das Ende des Marxismus zu proklamiert, dem notwendigerweise ein Ende der Geschichte folgt, da nach der Demokratie nichts mehr kommt, doch kommt diese permanent.  Doch die Argumentstruktur insistiert regelrecht darauf, alle Diskurse über das Ende zu determinieren, oder besser gesagt, kein Diskurs über das Ende von irgend etwas funktioniert ohne diese Struktur, ohne das Prozedere der Trauerarbeit und des permanenten Herauf-Beschwörens des Geistes dessen, was man so triumphal immer wieder zu Grabe trägt, es lässt sich hier die Form einer Möbiusschleife erkennen. Das Prozedere verläuft wie folgt: Ein Ereignis, ein dominierendes Phantom, ein herrschender Diskurs, bzw. das Ende desselben ist in einem historisch-vergangenen Chronotopos markierbar geworden. Der mittlerweile herrschende Diskurs, der diesen anscheinend vergangenen Diskurs auf gespenstische Art und Weise abgelöst hat, triumphiert nun über die so lange ertragene Diktatur des Proletariats, des Führers, des Christentums, des Polizeistaates, des Absolutismus, des Mediums, der Medien der Medien usw. Doch was damit passiert, mit dieser triumphalen Zelebration des Vergangenen, dieser ewigen Totenwache, ist eine Art Exorzismus, ein (Aus)Treiben des Dämons ex orkus, ein Herausfiltern aber auch ein Herbeizitieren, Aufrufen, Ansprechen desjenigen Weder-Nochs, das die Grenze der Historizität, die Grenze von Leben und Tod, von Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit (die Reihe der Dichotomien ist endlos, und darin liegt die Paradoxie) permanent verschiebt. Es geht um das Gespenst, um eine Spur, die sprachlich herauf beschworen wird, wenn man die Spur als Evidenz vergangener Präsenz definiert, also als die Abwesenheit von etwas Anwesendem. Derrida nennt dies Hantologie, welches im Französischen wie „Ontologie“ ausgesprochen wird. Sprachlich steht hier also ein Diskurs des Seins (Ontologie) gegen einen Diskurs der Heimsuchung (Hantologie). Derridas Programm läuft darauf hinaus, eine Unentscheidbarkeit aufzudecken, die zwischen den beiden Diskursen immer schon besteht, eine Différance, also gleichzeitig einen Aufschub, der das Moment der Wiederholbarkeit ständig neu ausstellt (Siehe Virilios Beschwörung der Ortlosigkeit und der steten Telepräsenz), der durch die Rhetoriken der herrschenden politischen, medialen und intellektuellen[2] Diskurse mit einer Geschwindigkeit provoziert wird, die sich so erhöht, dass sie irgendwann einen „rasenden Stillstand“[3] gebiert, in dem es nur noch Iteration gibt und das eigentlich zu erreichende Telos in weite Ferne aufgeschoben wird. Die Demokratie ist eine kommende, aber niemals ankommende, von ihr existiert nur die gute Nachricht, die immer weiter gereicht wird, die asymptotisch realisiert, doch durch ihre Rhetorizität immer wieder Distance erzeugt, die im rasenden Stillstand einer permanenten Aktualisierung anheim fällt.

Diese apokalyptische Rhetorik ist das Mittel zur Macht, zur Organisation, zur Strukturierung des post-marxistischen Zeitalters, des posthistoire. Es steht hier also auch eine Macht des Sieges gegen die Ohnmacht gegenüber dem Heimgesuchtwerden. Die politische Angst, die somit eine Batterie an Beschwörungen beschleunigt, zitiert unbewusst (könnte man hier von einer medialen Psychose sprechen?) eine schwache messianische Kraft (nach Benjamin) mit nach oben, die eben nicht stark genug ist, messianisch, also erlösend zu sein. Die schwache, geisterhaft messianische Kraft weist immer nur weiter in die Zukunft, der der Engel der Geschichte, nach dem Bild von Paul Klee, den Rücken zu kehren nicht aufhören kann.[4] Jedoch verbreitet sich die Nachricht, die gute Nachricht medial wie ein Lauffeuer, sprich sie hat ihre Signifikationsmacht schon ausgeübt und ist als Nachricht, also als ein Signifikant, der etwas künftiges bedeutet schon in den Köpfen der Menschen, also antizipert, was als Signifikat aufgeschoben wird. Die Dualität zwischen Archaismus und Modernismus wird hier so nah zusammengedrückt, dass sie sich als Dualität fast auslöscht. Die alten Heilsversprechungen treffen auf ihre eigene mediale Präsenz und die damit „mitgeschickte“ Rhetorik, die als unendlich dünne Membran, als eine Art Trommelfell ein Innen und ein Außen von einander trennt, und zwar nur durch die Existenz einer rhetorischen Grenze, die sich immer weiter verschiebt, vom Öffentlichen ins Private. Dies ist ein Akt nicht nur der Beschwörung, sondern auch der performativen Interpretation, nämlich jener Interpretation eines Ereignisses, die, sobald sie es interpretiert auch verändert. Der Marxismus erfährt hier eine Metamorphose, und zwar eine permanente Metamorphose, sie lässt dieses Gespenst ganz und gar medial und somit amorph werden.

In der Einführung des zweiten Kapitels zu Marx’ Gespenster stellt Derrida die Frage nach dem, was immer wieder passiert:

 

„ ‚The time is out of joint’: Die Formel spricht von der Zeit, sie sagt auch die Zeit, aber sie bezieht sich einzig und allein auf diese Zeit, auf diese Zeiten, auf ein „diese Zeit hier“, die Zeit dieser Zeit, die Zeit dieser Welt, die für Hamlet eine „unsere Zeit“ war, nur ein „diese Zeit hier“, diese Epoche und keine andere. Diese Prädikation sagt etwas von dieser Zeit und sie sagt es im Präsens des Verbs sein (The time is out of joint), aber wenn sie damals gesagt hat, in dieser anderen Zeit, im Perfekt, irgendwann einmal in der Vergangenheit – wie soll es dann für alle Zeiten gelten? Anders gesagt: Wie kann sie wiederkehren und sich von neuem präsent machen, sich aufs neue und als das Neue präsentieren? Wie kann sie von neuem da sein, wenn ihre Zeit nicht mehr da ist? Wie kann sie für all die Male gelten, in denen wir versucht sind, „unsere Zeit“ zu sagen?“

 

Das Wiederkehren ist nicht eine Wiederkehr desselben, sondern desgleichen als eine Metamorphose, also als eine Iteration. Dies ist eines der Gespenster, das umgeht in Europa. Bei Derrida, in einem seiner späten politischen Versuche noch unter dem Namen „Marxismus“ aufzufinden, der zu Zeiten seines In-Kraft-Tretens durch das kommunistische Manifest sich von einem Gespenst (Ein Gespenst geht um in Europa) in eine Masse voller Gesichtsloser sich ins Leben „gerufener“ Individuen verwandelt, steht der Marxismus im politischen Diskurs als Gespenst zwischen medialer Überwachung, politischer Trauerarbeit und intellektueller Reflexion eingefangen wie ein erdgebundener Geist, der jedoch weiterhin umgeht und die kapitalistische Welt in Angst und Schrecken versetzt. Der Akt der Beschwörung zeichnet sich hier aus als ein Ritual, das zwar den Tod performativ „besingt“, jedoch einen Spuk nicht ausschließt, den dieser Exorzismus mit sich bringt.

Was hat dies mit Paul Virilios Geschwindigkeitsphilosophie, ferner mit dem Futurismus zu tun? Ich habe den Beschwörungsritus betont, der die durch die Bewältigung eines vergangenen Leidens entstandene ökonomische Lücke immer wieder zu sublimieren sucht. Das Medium, in dem sich die Grenze zwischen Innen und Außen, Privatraum und Öffentlichkeit, zwischen Signifikat und Signifikant stets verschiebt, ist selbst ein Gespenst. Weder tot noch lebendig, weder präsent noch absent. Es spukt. Das Medium spukt und die Realität weiß davon nichts.

Begreift man die Sprache (die politische Sprache zum Beispiel oder auch Virilios apokalyptische Rhetorik, die reproduzierten und reproduzierbaren Bilder auf den Fernsehschirmen) als medialen und diskursiven Code, so ist sie dazu prädestiniert, zu spuken und durch ihre Diskursivität ruhelose Geister, die immer noch an ihr teilhaben (es ist also auch eine metonymische Beziehung), herauf zu beschwören.

Derrida hierzu:

 

„Aber sie [die Logik des Gespentes] scheint heute besser denn je erwiesen durch das, was in der wissenschaftlichen, also technisch-medialen, also öffentlichen oder politischen Ordnung an Phantastischem, „Synthetischem“, „Prothetischem“ und Virtuellem vor sich geht. Sie wird auch durch das offensichtlicher, was die Geschwindigkeit einer Virtualität, die nicht auf die Opposition von Akt und Potenz reduzierbar ist, in den Raum des Ereignisses, in die Ereignishaftigkeit des Ereignisses einschreibt“[5]

 

Der Spuk des weder Präsenten noch Absenten ereignet sich in dem Prozess des Einschreibens in der Ereignishaftigkeit selbst. Er wird also zu einem Ereignis, zu einem Wesen, das man getrost mit der Ontologie untersuchen kann, oder vielleicht doch mit der Hantologie? Diese Unentscheidbarkeit der Epistemologie, also der Wissenstheorie genau diesbezüglich schiebt sich immer weiter fort bis in die diskursive Formation Virilios hinein.

1 Kommentar 16.11.09 12:19, kommentieren

.............

Toter Atem und TV

Danse macabre auf

Unseren Antennenkörpern

Stumme steinerne Gäste

Wir sitzen erblaut

Verschaltet halten wir

Hände in Händen

Wir beobachten

Die Gesundungen

Verlassener Freunde

Sind ein Schimmer

Im 8mm Hirn

Weit weg

Ein Geschoss

Anatome Beschreibungen

Sind unser Versteck

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De-Archivierung. Agamben und die unmögliche Möglichkeit der Zeugenschaft.


 

Die unmögliche Möglichkeit, von überhaupt irgendetwas zu sprechen, ja auch nur die Stimme zu erheben, sich selbst durch Sprechen ein Gesicht zu verleihen, dieser erkenntniskritische Chiasmus (syntaktische Überkreuzung, aber auch Verkreuzung und Kreuzigung, Stigmatisierung gleichermaßen) dessen Enden sich in die Geschichte selbst verzweigen und diese Kreuzung doch immer wieder überfahren wird, markiert den blinden Fleck, der das Thema Zeugenschaft/Zeugnisablegen seit Auschwitz heimsucht. Giorgio Agamben, dessen Thesen ein Verweissystem der Abwesenheit/Sprachlosigkeit weben, erstellt in den ersten beiden Kapiteln des dritten Bandes der Homo-Sacer-Trilogie eine Theorie der Unbegrifflichkeit um mit Hans Blumenberg zu sprechen, die sich ihres eigenen Theorems nicht entziehen kann, nämlich der Unmöglichkeit, überhaupt etwas Unkommentierbares zu kommentieren und Begriffe daraus herzuleiten, die dem metonymisch ent-sprechen. Eine Batterie an Zitaten, rechtsgeschichtlichem Wissen, Fremdstimmen, und literarischen Auszügen dokumentiert den Werdegang der Theoriebildung, verschleiert ihn aber auch gleichermaßen, was zur produktivistischen différance wird. Was macht Agamben, wenn er „fremde“ Stimmen einsetzt? Er zitiert, zitiert andere Autoren herbei, vor allem Primo Levi, und zieht sich demzufolge aus dem Diskurs selbst zurück. Agamben weiß von der Unmöglichkeit der Zeugenschaft, auch von der Unmöglichkeit des Kommentars. Statt die Stimme zu erheben und für Ethik- und Justizvorschläge durchs Feuer zu gehen, entfaltet er seine Theorie anhand anderer Aussagen. Dieses Schema der Zitierweise praktiziert das Problem, oder das Arsenal an Problemen, die ein Diskurs über Auschwitz mit sich bringt. Eine Stimme, die Agamben aufruft, tritt als „ein perfektes Beispiel für einen Zeugen“ auf. Primo Levi, der Chemiker, der sich nach Auschwitz trotz seiner literarischen Arbeit immer noch als Chemiker verstand, liefert Agamben die materielle Basis für seine „Theorie“ der unmöglich-möglichen Zeugenschaft. Agambens aus dem Material extrahiertes erstes theoretisches Molekül besteht darin, dass sobald Überlebende des Konzentrationslagers die Intention verfolgen, Zeugnis abzulegen für die Grausamkeiten des Genozids an den Juden, dieses Zeugnis als Faktizitätslieferant hinfällig wird. Das einzige, was bezeugbar ist, ist die Unbezeugbarkeit des Ereignisses selbst. So gründet nach Agamben ein jedes Zeugnis auf einer Lücke der Sprache, einer Lücke, die zu füllen die Sprache angehalten ist. Tragisch hierbei ist, dass die Lücke die Sprache immer wieder verdrängt, dass die Lücke die Sprache nichtet und genau das be- und erzeugt, ein Versagen von Sprache, eine negative Metasprache, wie er am Hurbinek-Beispiel erläutert. Sprache weicht einer Nichtsprache, die sich aber mit allermacht Gehör verschafft.

Ein anderes Theorem besteht in einem sein Gesamtwerk durchziehenden Interesse am Ausnahmezustand. Hierarchisch betrachtet, gründet jener Ausnahmezustand als Paradigma in der Tilgung von Sprache und einer politischen Suspension ethischer und juridischer Kategorien. Im Konzentrationslager selbst vermutet Agamben eine Stagnation des Ausnahmezustands hin zum Normalzustand. Implizit gründet der Ausnahmezustand und dessen Bezug zur Macht eines Souveräns oder eines souveränen Systems in einem maschinellen Akt der Produktion. Jene Maschinerie, die unablässig produziert, nämlich vornehmlich Signifikanten, Zuschreibungen, die der Vernichtungsmaschine eine Definitionsmacht verleihen, dass sie somit über Leben und Tod entscheiden, den Tod durch reine Signifikation herbei führen kann und das nackte Leben in ihr Funktionieren integriert. Sie definiert Mensch und Nicht-Mensch, das Hauptprodukt ist jedoch die neue Kategorie humanen Wesens, der Muselmann, ein Paradigma der Moderne. Als dritte Komponente der negativen Dreifaltigkeit der Produktion im dritten Reich währt der Muselman als eine Figur, der sich die Signifikantenopposition Leben-Tod entzieht und sein Name selbst nur Platzhalter ist (auch wird er Schalenmensch etc. genannt) für eine dem Leben  nicht ergebene aber dem Tod umso weniger verpflichtete Form DER Artikulation der Nazi-Macht. Was nämlich passiert, durch die Suspension des Signifikanten, ist eine stete Abwesenheit. Insignifizierbarkeit eines Restes Mensch, dessen Menschlichkeit nicht zur Sprache kommen kann. Paradoxal erscheinen hierbei die Grenzen des Visuellen. Der Muselmann entfaltet seine Botschaft, die des Schweigens gespenstisch medial. Agamben schreibt von ersten Dokumentationen, die vom Lager gemacht wurden, dass die Kameramänner ihren Blick abwenden mussten, weil sie den Anblick dieser Gestalt zwischen Leben und Tod nicht ertragen konnten. Als Analogie wählt der italienische Philosoph die Figur der Gorgo, das von Schlangen umwundene weibliche Haupt, dessen Anblick tödlich war. Als ein Nicht-Gesicht, beschreibt diese Analogie nicht den Muselmann als solchen sondern eine performative Kraft, die unverortbar den Muselmann zum Muselmann macht, den Menschen verwandelt durch einen Blickfang, der gleichzeitig Blickentzug ist. Jene Verbindung, die von Nichtgesicht zu Muselmann sich zieht ist die, die die Lücke der Sprache erzeugt. Gorgo selbst ist nicht durch den Körper, sondern durch den Blick vorhanden, sie ist der Blick, der unmöglich ist, die Unmöglichkeit des Sehens, eine Metapher für die Reduktion, die der Muselmann erfährt. Der Begriff der Metapher bezeichnet hier aber nicht die Ersetzung eines einen Sachverhalt bezeichnenden Signifikanten durch einen anderen, denselben Sachverhalt bezeichnenden Signifikanten, sondern einen Tausch „reiner“ Signifikanten, Zeichen, die nicht gefüllt sind, leer sind, wie das Gesicht der Gorgo. Agamben bringt die rhetorische Figur der Apostrophe. Sie ist das, was die Gorgo leistet, ein Ansprechen, das „unsichtbar“, jedoch unausweichlich ist. Gorgo beschreibt eine Unmöglichkeit des Anblicks, letztendlich jene Paradoxie, die es Muselmännern, Außenstehenden und Überlebenden unmöglich macht, überhaupt von etwas, und wenn, dann von ihr zu sprechen, in einer Nichtsprache. Vielleicht ist die Sprache Celans die Sprache, die die gesichtslose Gorgo gesprochen hat. Sprechen und Sehen hängen hier also zusammen in der Beziehung ihrer beider Negation.

Ein Hauptgestus, den Agamben diagnostiziert ist eine diabolische Freiheit von Zuschreibungen, die einem neuen Akt der Zuschreibung Platz schafft. Reduktion von menschlichen Zeichen, Suspension ethischer und juristischer Kategorien, Entwürdigung des Todes nicht durch Verdopplung des Körpers, sondern dessen Reduktion. In Agambens Text entsteht ein Bild von einem Ort, dessen Ausnahmezustand Entmenschlichung produziert, indem Sprache und Bild implodieren, Ethik und Justiz ihren Körper dem Souverän opfern. Agamben selbst schaut durch die Maske des Zitats die Gorgo an und verstummt dabei.

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