WE HAVE GATHERED HERE IN FRONT OF THE ANTICHRIST!

In den Versuchen über Marx’ Gespenster analysiert Jacques Derrida einen magischen Mechanismus, der auf performative Art und Weise eine Beschwörung vornimmt, die das Gespenst des Marxismus permanent durch seine Negierung heraufbeschwört, herbei zitiert. Es ist dies die Arbeit einer Sozietät, deren Angst vor einer plötzlichen Wiederkehr, oder eines Wiedergehens des Marxismus so groß ist und das immense Klaffen einer infantilen Wunde permanent zu sublimieren sucht.

 

„Dieser herrschsüchtige Diskurs nimmt oft die manische, jubilatorische und beschwörende (incantatoire) Form an, die Freud der sogenannten Phase des Triumphs in der der Trauerarbeit zuschrieb. Die Beschwörung (incantation) wiederholt sich und rituralisiert sich; sie hält auf Zauberformeln und hält sich an Zauberformeln, wie jede animistische Magie es will. Immer wieder intoniert sie die alte Leier und den Refrain. Im Rhythmus des Gleichschritts ruft sie: Marx ist tot, der Kommunismus ist tot, ganz und gar tot mit seinen Hoffnungen, seinem Diskurs, seinen Theorien und seinen Praktiken, es lebe der Kapitalismus, es lebe der Markt, es überlebe der ökonomische und politische Liberalismus“[1]

 

Über welche medialen Instanzen dies funktioniert benennt Derrida genau: über die Medien der Medien, über die Telediskurse, die Simulationen, alle Arten von Tele-präsenzen, die in sich schon gespenstisch sind, da sie weder Leben noch Tod sind, abseits dieser Oppositionen gedacht werden. Dass diese Art von Vermittlung natürlich auch immer eine Art der Machtübernahme, oder gar Machtergreifung von etwas gespenstischem ist, steht außer Frage. Die Struktur der Theorie läuft, wie in anderen Texten Derridas auf einen Diskurs des Endes und zwar der Beschwörung des Endes hinaus, das jedoch paradox ist und zwar auf einen regelrecht apokalyptischen Diskurs, der das Ende der Geschichte proklamiert. Derrida bezieht sich auf die Demokratie, die das Ende des Marxismus zu proklamiert, dem notwendigerweise ein Ende der Geschichte folgt, da nach der Demokratie nichts mehr kommt, doch kommt diese permanent.  Doch die Argumentstruktur insistiert regelrecht darauf, alle Diskurse über das Ende zu determinieren, oder besser gesagt, kein Diskurs über das Ende von irgend etwas funktioniert ohne diese Struktur, ohne das Prozedere der Trauerarbeit und des permanenten Herauf-Beschwörens des Geistes dessen, was man so triumphal immer wieder zu Grabe trägt, es lässt sich hier die Form einer Möbiusschleife erkennen. Das Prozedere verläuft wie folgt: Ein Ereignis, ein dominierendes Phantom, ein herrschender Diskurs, bzw. das Ende desselben ist in einem historisch-vergangenen Chronotopos markierbar geworden. Der mittlerweile herrschende Diskurs, der diesen anscheinend vergangenen Diskurs auf gespenstische Art und Weise abgelöst hat, triumphiert nun über die so lange ertragene Diktatur des Proletariats, des Führers, des Christentums, des Polizeistaates, des Absolutismus, des Mediums, der Medien der Medien usw. Doch was damit passiert, mit dieser triumphalen Zelebration des Vergangenen, dieser ewigen Totenwache, ist eine Art Exorzismus, ein (Aus)Treiben des Dämons ex orkus, ein Herausfiltern aber auch ein Herbeizitieren, Aufrufen, Ansprechen desjenigen Weder-Nochs, das die Grenze der Historizität, die Grenze von Leben und Tod, von Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit (die Reihe der Dichotomien ist endlos, und darin liegt die Paradoxie) permanent verschiebt. Es geht um das Gespenst, um eine Spur, die sprachlich herauf beschworen wird, wenn man die Spur als Evidenz vergangener Präsenz definiert, also als die Abwesenheit von etwas Anwesendem. Derrida nennt dies Hantologie, welches im Französischen wie „Ontologie“ ausgesprochen wird. Sprachlich steht hier also ein Diskurs des Seins (Ontologie) gegen einen Diskurs der Heimsuchung (Hantologie). Derridas Programm läuft darauf hinaus, eine Unentscheidbarkeit aufzudecken, die zwischen den beiden Diskursen immer schon besteht, eine Différance, also gleichzeitig einen Aufschub, der das Moment der Wiederholbarkeit ständig neu ausstellt (Siehe Virilios Beschwörung der Ortlosigkeit und der steten Telepräsenz), der durch die Rhetoriken der herrschenden politischen, medialen und intellektuellen[2] Diskurse mit einer Geschwindigkeit provoziert wird, die sich so erhöht, dass sie irgendwann einen „rasenden Stillstand“[3] gebiert, in dem es nur noch Iteration gibt und das eigentlich zu erreichende Telos in weite Ferne aufgeschoben wird. Die Demokratie ist eine kommende, aber niemals ankommende, von ihr existiert nur die gute Nachricht, die immer weiter gereicht wird, die asymptotisch realisiert, doch durch ihre Rhetorizität immer wieder Distance erzeugt, die im rasenden Stillstand einer permanenten Aktualisierung anheim fällt.

Diese apokalyptische Rhetorik ist das Mittel zur Macht, zur Organisation, zur Strukturierung des post-marxistischen Zeitalters, des posthistoire. Es steht hier also auch eine Macht des Sieges gegen die Ohnmacht gegenüber dem Heimgesuchtwerden. Die politische Angst, die somit eine Batterie an Beschwörungen beschleunigt, zitiert unbewusst (könnte man hier von einer medialen Psychose sprechen?) eine schwache messianische Kraft (nach Benjamin) mit nach oben, die eben nicht stark genug ist, messianisch, also erlösend zu sein. Die schwache, geisterhaft messianische Kraft weist immer nur weiter in die Zukunft, der der Engel der Geschichte, nach dem Bild von Paul Klee, den Rücken zu kehren nicht aufhören kann.[4] Jedoch verbreitet sich die Nachricht, die gute Nachricht medial wie ein Lauffeuer, sprich sie hat ihre Signifikationsmacht schon ausgeübt und ist als Nachricht, also als ein Signifikant, der etwas künftiges bedeutet schon in den Köpfen der Menschen, also antizipert, was als Signifikat aufgeschoben wird. Die Dualität zwischen Archaismus und Modernismus wird hier so nah zusammengedrückt, dass sie sich als Dualität fast auslöscht. Die alten Heilsversprechungen treffen auf ihre eigene mediale Präsenz und die damit „mitgeschickte“ Rhetorik, die als unendlich dünne Membran, als eine Art Trommelfell ein Innen und ein Außen von einander trennt, und zwar nur durch die Existenz einer rhetorischen Grenze, die sich immer weiter verschiebt, vom Öffentlichen ins Private. Dies ist ein Akt nicht nur der Beschwörung, sondern auch der performativen Interpretation, nämlich jener Interpretation eines Ereignisses, die, sobald sie es interpretiert auch verändert. Der Marxismus erfährt hier eine Metamorphose, und zwar eine permanente Metamorphose, sie lässt dieses Gespenst ganz und gar medial und somit amorph werden.

In der Einführung des zweiten Kapitels zu Marx’ Gespenster stellt Derrida die Frage nach dem, was immer wieder passiert:

 

„ ‚The time is out of joint’: Die Formel spricht von der Zeit, sie sagt auch die Zeit, aber sie bezieht sich einzig und allein auf diese Zeit, auf diese Zeiten, auf ein „diese Zeit hier“, die Zeit dieser Zeit, die Zeit dieser Welt, die für Hamlet eine „unsere Zeit“ war, nur ein „diese Zeit hier“, diese Epoche und keine andere. Diese Prädikation sagt etwas von dieser Zeit und sie sagt es im Präsens des Verbs sein (The time is out of joint), aber wenn sie damals gesagt hat, in dieser anderen Zeit, im Perfekt, irgendwann einmal in der Vergangenheit – wie soll es dann für alle Zeiten gelten? Anders gesagt: Wie kann sie wiederkehren und sich von neuem präsent machen, sich aufs neue und als das Neue präsentieren? Wie kann sie von neuem da sein, wenn ihre Zeit nicht mehr da ist? Wie kann sie für all die Male gelten, in denen wir versucht sind, „unsere Zeit“ zu sagen?“

 

Das Wiederkehren ist nicht eine Wiederkehr desselben, sondern desgleichen als eine Metamorphose, also als eine Iteration. Dies ist eines der Gespenster, das umgeht in Europa. Bei Derrida, in einem seiner späten politischen Versuche noch unter dem Namen „Marxismus“ aufzufinden, der zu Zeiten seines In-Kraft-Tretens durch das kommunistische Manifest sich von einem Gespenst (Ein Gespenst geht um in Europa) in eine Masse voller Gesichtsloser sich ins Leben „gerufener“ Individuen verwandelt, steht der Marxismus im politischen Diskurs als Gespenst zwischen medialer Überwachung, politischer Trauerarbeit und intellektueller Reflexion eingefangen wie ein erdgebundener Geist, der jedoch weiterhin umgeht und die kapitalistische Welt in Angst und Schrecken versetzt. Der Akt der Beschwörung zeichnet sich hier aus als ein Ritual, das zwar den Tod performativ „besingt“, jedoch einen Spuk nicht ausschließt, den dieser Exorzismus mit sich bringt.

Was hat dies mit Paul Virilios Geschwindigkeitsphilosophie, ferner mit dem Futurismus zu tun? Ich habe den Beschwörungsritus betont, der die durch die Bewältigung eines vergangenen Leidens entstandene ökonomische Lücke immer wieder zu sublimieren sucht. Das Medium, in dem sich die Grenze zwischen Innen und Außen, Privatraum und Öffentlichkeit, zwischen Signifikat und Signifikant stets verschiebt, ist selbst ein Gespenst. Weder tot noch lebendig, weder präsent noch absent. Es spukt. Das Medium spukt und die Realität weiß davon nichts.

Begreift man die Sprache (die politische Sprache zum Beispiel oder auch Virilios apokalyptische Rhetorik, die reproduzierten und reproduzierbaren Bilder auf den Fernsehschirmen) als medialen und diskursiven Code, so ist sie dazu prädestiniert, zu spuken und durch ihre Diskursivität ruhelose Geister, die immer noch an ihr teilhaben (es ist also auch eine metonymische Beziehung), herauf zu beschwören.

Derrida hierzu:

 

„Aber sie [die Logik des Gespentes] scheint heute besser denn je erwiesen durch das, was in der wissenschaftlichen, also technisch-medialen, also öffentlichen oder politischen Ordnung an Phantastischem, „Synthetischem“, „Prothetischem“ und Virtuellem vor sich geht. Sie wird auch durch das offensichtlicher, was die Geschwindigkeit einer Virtualität, die nicht auf die Opposition von Akt und Potenz reduzierbar ist, in den Raum des Ereignisses, in die Ereignishaftigkeit des Ereignisses einschreibt“[5]

 

Der Spuk des weder Präsenten noch Absenten ereignet sich in dem Prozess des Einschreibens in der Ereignishaftigkeit selbst. Er wird also zu einem Ereignis, zu einem Wesen, das man getrost mit der Ontologie untersuchen kann, oder vielleicht doch mit der Hantologie? Diese Unentscheidbarkeit der Epistemologie, also der Wissenstheorie genau diesbezüglich schiebt sich immer weiter fort bis in die diskursive Formation Virilios hinein.

16.11.09 12:19

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen