Der neue Edeka in der Kulturhauptstadt 2010


Es ist schon seit Langem eine Masche der Kulturindustrie, Identifizierungsmaßnahmen zu veranstalten, die dem Konsumenten, dem neoliberalen Subjekt schlechthin, das Gefühl von Heimat und Gemeinschaft vermitteln. Medium dieses Phantasmas ist nicht mehr der Fernsehschirm, der alle Subjekte abends versammelt, damit sie sich kollektiv ihre Rohrstockschläge und Misshandlungen in fastforwardcomedy nochmal zu Gemüte führen und über ihr eigenes Schicksal unbewusst lachen können. Nun ist die stilvoll digitalisierte Öffentlichkeit Ort des falschen Gefühls. Lachen und Weinen liegen hier engst beieinander. Auf den von den KZ-Bühnen gab es auch reichlich zu lachen, für die Nazis und die Juden. Bei diesen im Turnus ihres humoristischen Sarkasmus, bei jenen wegen der kurzen Verdrängung und dem steten Bewusstsein der Verdrängung als Spiel. Die Bühne hatte in den KZs das erste Mal seit dem Illusionstheater des 19. Jahrhunderts wieder die Aufgabe, die tröstliche und zynische Aufgabe, den Vorhang zuzuziehen und für die Schauspieler auf der Bühne der utopische Ort des schillerschen Spiels zu sein. Dem Abgang von der Bühne folgte entweder die nächste Vorstellung oder das Gas. Spielen um nicht zu sterben. Zyklon B bleibt die letzte Requisite. Nichts Neues. Adorno hat bis zu seinem Tode nie aufgehört es festzustellen. Wenn in der spätkapitalistischen Wirklichkeit dieses Spiel das der Warenproduktion- und Konsumption geworden ist, verifiziert sich, be-wahrheitet sich das Reale der Verbindung von KZ und Einkaufszentrum. Spielen um nicht zu sterben. Die Rolle ist festgelegt. Man ist der Einkaufswagenschiebende. Der Text: Hey, Nutella ist im Angebot. Hast du das schon mal probiert? Pack gleich zwei ein. Die Musik hier ist so schön. Sieht toll aus, wie die ganzen Dosen in der Reihe stehen. Etc. Es ist ein repetetiver Code, den das neoliberale Subjekt stets abspult um seine Lebensqualität zu füttern und aufrechtzuerhalten. Lebensqualität ist Lifestyle ist Leben. Der Hartz IV Empfänger hat in diesem Sinne kein Leben mehr, er ist der Rest Leben, der vom kapitalistischen Kardiogramm auf den Bildschirmen der Statistik von Arbeitslosen angezeigt wird. Ein Sinusrhythmus, reine Struktur aus animalisierten Bedürfnissen. Leben bedeutet, nicht der Hartz IV Empfänger zu sein. Ein Leben zu haben, bedeutet, in der Lage zu sein, das Spiel zu spielen. Die Gaskammer ist dem Einkaufszentrum gewichen, wo die Verdienenden die Juden sind, die ihr Leben darauf setzen, dem Gas zu entkommen, die Harz IV Empfänger die Noch-nicht-Vergasten sind und immer die Möglichkeit haben, wieder ins Spiel einzusteigen. Der Spät- oder Postkapitalismus braucht kein Gas mehr. Er hat die Produktion von sozialem Tod sofort in sich eingraviert und ihn dadurch vom biologischen Tod ununterscheidbar gemacht. Das, was da noch wandelt sind Zombies. Der neue Edeka in Bochum versetzt dieses Spiel in einen Raum, der sich als öffentliches Panoptikum, als vollkommen ästhetisiertes Warenhaus, wo die Ware Kunst und ihre Verpackung das Vergnügen des Einkaufens sind, verbirgt und durch sein schwarz-weiß-rotes Design den Trendnerv so hart trifft, dass er nun nur noch in ordentlich sortierten Trümmern die Regale und Routen mit Ornamenten versieht, die dem Konsumenten den gehobenen Lebens-Stil vermitteln.

Das Ruhrgebiet ist im 21. Jahrhundert nicht mehr der Ort kontinentaler Kopie des Manchesterkapitalismus, durch Kokereien, Arbeiter die verdreckt und verschwitzt sich in den U-Bahnen auf dem Heimweg tummeln. Die U-Bahn hat ihr Zwielichtiges auch von dem einstigen Ort der Gemeinschaft her, der Untergrund als Ort gefährlicher Zusammenrottung, so nah an den Toten, dass der Arbeiter selbst, mit rußigem Gesicht und dem Geruch nach Öl, Kohle und Schweiß den Todesgeruch der Arbeit unter Tage ausstößt und dann wieder an die Oberfläche tritt. Die Wiederkehr des Zombies.

Das Potential der Unterwelt ist zum Bild geronnen, das nun im neuen Edeka neben den Teigwaren hängt. Ein A0 Plakat von einem Grubenarbeiter, der geschafft aber glücklich in die Linse starrt. Daneben und darüber die Namen der Bochumer Stadteile in Relieffschrift. Höntrop, Harpen, Ehrenfeld, Riemke… Hier ist der Bochumer zuhause, denn der Supermarkt ist aufgebaut wie die Karte der Bergbaustadt, das Fleisch findet er bei einer alten Bekannten, die Frühstücksflocken an seinem Arbeitsplatz, sein Zuhause in Hamme oder Stahlhausen, da, wo es ordentlich und warm ist. Hier kann der Bochumer nocheinmal erleben, wie es ist, durch das Industriebochum zu wandeln. Kryptagramme der Vergangenheit geben ein sentimentales Gefühl der Sehnsucht nach einer Romantik, die es nie gab und tun als Vergangenheit ab, was jetzt Wirklichkeit ist. Das „Vorbei“ der Grubenära zeigt das „Jetzt“ der absoluten Indifferenz von Leben, Design und Kapitalismus. Das Leben selbst ist die absolute Entfremdung geworden.

Eine Kopie, ein Zitat, das man an der Käsetheke kaufen kann. Nostalgisch schimmern hier und da Scherenschnitte der Fördertürme und der Kokereien. Schwarz auf dem Rot und Weiß der Wände nachdem man das Starlightexpress Logo am Eingang gesehen hat und sich angenehm an Bochum erinnert fühlt, das Vergnügen und Schaulust bietet, zuhause. Man ist angehalten, zu gleiten durch eine futuristische Verblendungswelt, die die Vergangenheit assimiliert und zur Metapher verstümmelt hat. Man kann alles überschauen, wenn man den Tempel betritt. Was in den ständig wachsenden und mutierenden Geschwüren der Städte nicht mehr möglich ist, wird hier als Simulation verkauft. Der Konsument denkt, er habe alles unter Kontrolle, kann sein Leben kontrollieren, seinen Weg steuern. Er betritt den Laden und ist sofort der Gewinner, der nicht nur das postkapitalistische Wirrwarr besiegt, sondern auch sein Leben meistert. Das ist kein postmoderner Existentialismus à la „Ich designe mein Leben“. Das ist die radikale Dominanz des pour-soi, das in einem bourgeoisen Lokalpatriotismus gipfelt und jede Möglichkeit des Dagegenseins, der Unaufrichtigkeit in die festgefahrene Rolle des Konsumenten versteinert hat. Der Blick des Anderen ist das blinkende Logo der alten Cornflakes in neuer Verpackung.

Dieses stilisierte Leben, das nur noch in der erfahrungstoten Simulation der Grube von der Wahrheit der Arbeit fürs Falsche weiß, ist dem Kunstfetischismus in die Produktionshallen gefolgt. Das merkwürdige Wort „Industriekultur“, das man an den Autobahnabfahrten zu lesen bekommt, stülpt der unendlichen Entfremdung das Siegel des „Wir haben was daraus gemacht“ auf. Die Jahrhunderthalle in Bochum, der Pact Zollverein in Essen etc. ehemalige Stätten der Produktion geschundenen Lebens sind zu überteuerten Über-Spielstätten der Ideologie geworden. Wenn der Konsument im neuen Edeka das falsche Gemeinschaftsgefühl zum Preis eines Wochenendeinkaufs erwerben kann, geht der Besser Betuchte oder Teilnehmende in die Industriehallen um sich an „historischen Orten“ aktuellstes Theater zu gönnen, das die Kunst mit der Industrie in Einklang bringt.

Durch die gerechte Verteilung der Spielstätten auf die All-Star-Städte des Ruhrgebiets: Essen, Bochum, Gladbeck… ist einer zerstückelten Gemeinschaft der Signifikant des Gemeinsamen nochmal verkauft. Man sieht sich Ivo VanHofe und Johann Simons an, deren Inszenierungen durch platte Lichtgestaltsymbolik und immer wieder produzierte Identifikationsleistungen ihre subversive Unpässlichkeit den Lobpreisungen der Kulturverliebten Kritiker verkauft haben. Nicht, dass das Theater, das hier gespielt wird, ohne Zumutungen wäre. Immer im Second-Hand-Armani-Anzug des Experimentellen werden Opern von Zimmermann und Schönberg der Kulturindustrie gefügig gemacht. Die geschmäcklerische Kälte der Moses und Aron Inszenierung von Willy Decker bespielt ein weiteres Mal die toten Schockwirkungen des Avantgarde-Theaters und lässt sie als Stilmittel umherwandern, deren Ziel vielleicht der neue Edeka ist. Immer noch eine Zumutung, diese „neue Musik“, sicher. Eine Zumutung von weit grässlicherem Ausmaß ist aber der Sachverhalt, dass diese Musik schon längst den teuer verkauften Exotenplatz in der Kulturindustrie eingenommen hat. Das Exotische, das Andere dieser Musik, ja ihre Unzumutbarkeit ist in die immer wieder ausgespielte falsche Differenz von Allgemeinem und Besonderem eingegangen. Und das hat das Ruhrgebiet eben auch zu bieten.

Diese Differenz, die in sich vollkommen zur neoliberalen Indifferenz mutiert ist. Man muss es sich anschauen, man muss 2010 besuchen um das festzustellen. Vielleicht ist die Indifferenz in ihrer Radikalität ein Ort, der den Unort der Artikulation als immer nur möglichen anzeigt. Das, was Nancy die uneingestehbare Gemeinschaft nennt, die sich am Rande des Verlassenseins tummelt, abseits jeder Gemeinschaft, ist vielleicht ein Effekt, der sich als dieser nunmehr dem Entzug durch die Darstellung der Ruhrgebietsgemeinschaft preisgegeben hat und durch diesen Entzug seine Insistenz bewahrt.

16.12.09 18:09

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