Jugendkriminalität und Terror, das heißt: Geburt der Überwachungsmaschine


In diesen Tagen werden wir Zeuge einer Wiedergeburt. Während Weihnachtsantipathisanten sich in den Alternativen Zentren versammeln und zynisch: happy birthday, Jesus singen wird die Vokabel "Überwachung" zum wiederholten Herrensignifikanten. In den letzten Tagen hat sich eine Struktur von Nachrichtensendungen durchgesetzt, die als ersten Bericht den von Passagieren vereitelten Sprengstoffanschlag eines Al Kaida Mitglieds, des 23-jährigen Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab,  auf ein Flugzeug, das vom Amsterdamer Flughafen nach Detroit unterwegs war, verhandelte, die Mittelteile aus Wirtschaftsnews und Belanglosigkeiten bestanden und letztendlich im letzten Abschnitt die stark gestiegene Jugendkriminalitätsrate, insbesondere die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen auf der Straße den Abschluss bildete.

Diese Nachrichtenstruktur operiert mit zwei Mechanismen. Einerseits schürt sie Angst. Vor Terror, vorm Untergang des Abendlandes das heißt: schürt latenten Rassismus und das wohlgefühl der globalisierten Welt in ihrer multikulturell-kapitalistischen Diktatur, endlich wieder rassistisch sein zu dürfen. Was erzeugt wird ist ein Gefühl der Besänftigung, das sich wieder in zwei Komponenten spaltet: einerseits: zum Glück unternimmt der Staat alles, damit uns das nicht passiert: und andererseits: zum Glück gibt es jetzt, da die Welt aus den Angeln gehoben und die "time out of joint" ist, einen Fixpunkt, den wir fokalisieren können. Es geht also um Sicherheit im allerweitesten Sinne. Globalpolitisch wird die Angst vor dem Terror geschürt, innenpolitisch die Angst vor Gewalttaten, die, wie der phlegmatische Psychologe, der mehreren Sendern Rede und Antwort stand,  "jeden immer und überall" treffen können. Es wird berichtet, dass die um fast 100% gestiegene Anzahl von Straßengewaltdelikten mit noch mehr Überwachungskameras und mehr Polizeipräsenz "bekämpft" werden soll.

Die Überwachungsmaßnahmen, die "verstärkt" werden sollen, haben jedoch ihre ganz eigene Funktion: Den Kampf, den sie ankündigen zu verhindern und in einen rein potentiellen zu verwandeln. Es gibt, wie Paul Virilio und Jean Baudrillard  zu denken gegeben haben, den realen Kampf nicht mehr, er ist nur noch ein rudimentärer Fehler des in permanenter Perfektion  befindlichen Überwachungssystems und der dissuativen Maschine.

Wir haben von einer merkwürdigen Doppelstruktur gesprochen, die das Nachrichtensystem unweigerlich an die Überwachungsmaschine anbindet. Wie ist diese Anbindung zu verstehen?

Man sieht Bilder, die vorerst angsteinflößend sind: erst das Flugzeug, dann das Fahndundsphoto, dann den Nacktscanner. Erst blinkende Polizeilichter, Interviews mit Straßengewaltopfern, dann Statistiken über gestiegene Gewaltbereitschaft und zu guter Letzt mehrere bewaffnete Polizisten mit Schutzweste an einem U-Bahngleis und eine Überwachungskamera. Damit wird erst Angst und dann Beruhigung erzeugt.  Man wird sich sofort bewusst, dass die Überwachung steigt, aber gleichzeitig zum Schutz der Sicherheit nötig ist. Man sagt "ja". Nicht du, nicht wir: MAN sagt "ja" zur Überwachung, nimmt sie hin und erkennt sie an. Sogar der Messias Barack Hussein Obama springt auf den Zug der Sicherheit auf. Die Sicherheit ist oberstes Gebot.

 

Wir haben es hier aber mit einem sicherheitspolitischen Extrem zu tun. Nicht, dass der orwellsche Polizeistaat sich wieder global verwirklicht hätte, denn diese Feststellung ist schon seit dem kalten Krieg en vogue. Nein, die Sicherheitsmaßnahmen haben die Funktion die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es sie gibt, dass sie in der Hand einiger Verantwortlicher liegt, dass sie angewandt wird.

Eine tiefergehende Suspension ist der Fall. Der aufkeimende Sicherheitsfetischismus ist nichts als Methode um davon abzulenken, dass sich die postkapitalistische Hemisphäre in heterogenste Sicherheitsdispositive immer schon aufgelöst hat. Die Sicherheit ist eine Ablenkung von der omni-de-präsenten Überwachung. 

Die Nachrichten informieren nicht nur, sie tragen darüberhinaus explizit zur Wirksamkeit des manifesten sowie des latenten Sicherheitssystems bei.

Foucault hat überzeugend davon berichtet, wie der Körper des neoliberalen Subjekts die Überwachung nicht mehr benötigt, weil er die Überwachung so internalisiert hat, dass sein Körper ohne Überwachung quasi ausgestoßen wäre. Ein Subjekt ist nicht mehr zu denken ohne seine Überwachungsstrategien.

Ebendiese Undenkbarkeit wird in diesen Tagen erneut herausgefordert. Durch die doppelte  Bindung an den Überwachungsapperat wird die Illusion erzeugt, es wäre eine Welt möglich ohne Überwachung. Realisierte sich diese Illusion, wäre die Grenze zwischen latenter und manifester Überwachung, die Grenze zwischen Simulation und Dissuasion aufgehoben. Das Ergebnis wäre die demokratische Psychose.

Die Welt ist wieder einmal gezwungen, den illusion anzuerkennen, dass Sonderregelungen zur Sicherheit der Bevölkerung da ist. Der Ausnahmezustand ist, Agamben hat darauf hingewiesen, das Paradigma des Regierens in der abendländischen Hemisphäre. Jener sich jeglicher Signifikation entziehende Status Quo, von dem jetzt berichtet wird, dass er, wieder mal, unter Kontrolle gebracht werden kann.

Das, was wir "demokratische Psychose" nennen ist, ganz dem psychotischen Mechanismus entsprechend ein Konflikt zwischen dem Ich und der Außenwelt. Der Viktorianer Freud hat als psychischen Prozess der misslungenen Verwerfung beschrieben, was im frühen 21. Jahrhundert sozio-, medio,- und politogenetisch die Öffentlichkeit, die das Private längst in sich aufgesaugt hat, vollzieht: nämlich die Gültigkeit einer insistierenden Nicht-Anwendung, die sich ans Anwendung tarnt. Simulation und Ausnahmezustand reichen sich die Hände um den Würgegriff anzulegen, der da heißt: Demokratie.

 

30.12.09 13:16

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